
01. September 2020
Rheingau/Rheinhessen/Berlin
Corona-Zeiten! Mir und einem großen Anteil der reiseaffinen Bevölkerung geht es so, wir vermissen unsere Fernreisen. Fremde Kulturen, neue kulinarische Erlebnisse, Leistungen erleben im Dienstleistungs-Sektor, da geht einem schon was ab!
So wird es mal wieder das geliebte Rheinhessen und der Rheingau – erster Anlaufpunkt ist Ingelheim, die Rotweinstadt. Vom Mainzer Berg genießt man eine traumhafte Aussicht ins Rheintal, von Bingen bis Wiesbaden. Gute Weingüter gibt es zuhauf. So zum Beispiel die Familie Dautermann! Intensive Spätburgunder die in Teilen durch den Klimawandel an Intensität und Aromen gewinnen. Dazu noch im Holzfass ausgebaut mit einer schönen Tanninstruktur, heben und geben Wertigkeit. So verschafft man sich in der Burgunder Liga Respekt. Eine ebenfalls schöne Wanderung ist die um den Bismarckturm über den Westerberg. An Pferdekoppeln vorbei zum ehemaligen VDP Weingut Schloss Westerhaus. Der Blick in das Selztal mit seinen Weinbergen bis hinüber zur Burgkirche mit der schön restaurierten Kaiserpfalz sind lohnenswert. Schon Karl der Große wusste die hiesigen Traubensäfte zu schätzen. Direkt dort ist das Weingut Hamm platziert und in seinem Angebot findet sich ein junger Merlot. Ein wenig kratzbürstig und pelzig auf der Zunge, zeigt auch er sein Entwicklungspotential. Noch ein paar Jahre und er wird ein ausgewogenes, samtiges und fruchtiges Geschmacksbild auf dem Gaumen zeigen. Der Traubensaft für eine Schorle ist sehr gefragt und so landen einige Flaschen im Kofferraum. Kulinarisch gut aufgehoben ist man seit 1 Jahr im Ingelheimer Winzerkeller. Mit viel Geld der öffentlichen Hand aus dem Dornrösschenschlaf wachgeküsst und mit dem schönen Blick in den Rheingau, hält die gehobene Gastronomie Einzug in die Rotweinstadt. Lässig bei einem Bier sitzt man im Garten der Brauerei Goldener Engel in Ingelheim-West. Das vor Ort gebraute Lager kommt schön süffig auf den Tisch, allerdings auch verhältnismäßig sättigend.
Ab in den Rheingau zum Schweizer! Ja richtig, dort haben sich Eva und Urban Kaufmann niedergelassen. Seit Hans Lang unter seinem Namen das Weingut vor knapp 10 Jahren verkauft hat und der Käse-Experte Urban Kaufmann die Leitung übernahm, hat sich einiges getan. Die Verkaufsräume sind modernisiert worden, aber ohne zu viel Schnörkel. Er konzentriert und fokussiert sich voll und ganz auf die Qualität seiner Rebensäfte. Das man im Rheingau nur Riesling auf Weltklasse Niveau herstellt, widerlegt Kaufmann mit seinen Spätburgundern oder dem Weißwein Uno. Es ist ein Cuvée aus Burgunder und Chardonnay im Holzfass ausgebaut, der sich mit tropischen Früchten in der Nase und auf der Zunge Eindruck verschafft. Dazu noch alles Demeter, dem höchst möglichen Biostandard. Abendessen gibt es am Rhein im Weinprobierstand, wo zufällig Kaufmann die Weine ausschenkt. Mit einigen Snacks wie Käse und Bio-Landjägern, sowie dem erwähnten guten Wein im Glas, ist der Blick auf Vater Rhein noch viel erholsamer. Ein weiterer Stopp ist das Weingut Spreizter, welches unter den Top 10 in Deutschland zu finden ist – „if we talk Riesling“. Dabei fällt auf das die Tropfen welche aus Oestrich stammen, fruchtiger und in der Säure reduzierter erscheinen. Das liegt an dem dortigen kiesigen Löss- und den tiefgründigen Lehmböden, die die Charakteristik maßgeblich mitbestimmen. Der Charta Riesling 2017 ist ein Wein wie man ihn nur hier trinken kann – Weltklasse. Übernachtet wird im Kronenschlößchen, ein einfaches Doppelzimmer in dieser Institution garantiert guten Schlaf und ist fußläufig.
Blicken wir nochmal auf die andere Rheinseite. Seit dem Sommer steht in Bingen eine neue Immobilie. „Papa Rhein“ ein Hotel und Restaurant der Familie BollAnts. Diese kennt man von BollAnts am Park im Hunsrück, einer 5 Sterne Wellness-Herberge und was sie anpacken wird auch konzeptionell zu Ende gedacht. In der Küche schwingt der hochdekorierte Niels Henkel das Zepter, ein absoluter Star der Branche und Ex-Schüler von Dieter Müller. Abends wird im Bootshaus ein 3 Gang serviert, die Weinkarte mit vielen Rheinhessischen Gewächsen garantiert ein sehr gutes Begleitniveau. Das Tatar vom Saibling ist mit Molke zusammen interessant abgeschmeckt. Das Lamm aus deutscher und irischer Herkunft mit Orichette Nudeln kommt auch schmackhaft und gut gekocht rüber. Das Marshmellow Dessert mit Schokoladeneis bildet einen gelungenen Abschluss. Das Hotel ist sehr „design“ und mit dieser tollen Lage direkt am Rhein ein absoluter hotspot-einfach gelungen!!!
Berlin im Spätsommer. Anreise mit Eurowings und von Tür zu Tür in 3.5 Stunden, viel besser geht es nicht. Der Flughafen in Düsseldorf ist bei Abreise wie eine Geisterstadt. Schnell ist man durch die Sicherheitskontrolle und der Flieger in der Luft. Angekommen geht es mit dem Bus in die Innenstadt, direkt an den Hauptbahnhof. Weiter zu Fuß via Reichstag und E-Scooter zur Markthalle Neun. Bei Kumpel und Keule auf einen leckeren Burger, sonst hat sich in der Halle eher wenig getan seit meinem letzten Besuch. Auch der Eindruck des „geht bergab“ trifft es, was wiederum zu Berlin passt. Weiter mit SHARENOW im Mini-Cabrio auf Kundenbesuch in den Süden, ins Seezeit Hotel. Es eröffnete am 1.Oktober 2020 unweit des neuen BER Flughafens. Der aktuelle Status ist spannend so unmittelbar vor dem Opening. Leider ergibt sich im Anschluss kein direktes Beratungsmandat – „kann ja noch werden“!? Am Abend lässt es sich gut am See sitzen und ein Glas Wein genießen. Nicht sonderlich erwähnenswert doch die Flasche steht kalt in einer beleuchtenden Musikbox. Die Helligkeit lässt sich neben der Lautstärke gut steuern und der Wein bleibt kalt – Spätsommer 2020.
Am folgenden Tag interessieren mich diverse Trends in der Hauptstadt. So unterhält zum Beispiel The Duc Ngo das Ryotei 893 neben 9 anderen gastronomischen Betrieben. Die Küche ist Fernost geprägt, vornehmlich japanisch und der Restaurant-Auftritt ist von innen und außen betont „hipster“ gehalten. Die Küche ist als großer Mittelblock zentral im Restaurant integriert, die meisten Corona-Auflagen werden eingehalten und ich mache mich an die Bestellung. Der Romanasalat kommt mit super crispy frittierten Garnelen daher. Das Sushi ist allerdings eher von durchschnittlicher Qualität. Warum? Am norwegischen Lachs, er gilt eher als Preiseinstiegsqualität und Massenware, hängt noch das braune Fischfleisch, welches zwischen Filet und Haut sitzt. Das sollte auf dem Niveau schon „pariert“ und somit weggeschnitten sein, da es erheblich das Geschmacksbild trübt und tranig schmeckt. Auch das Krabbenfleisch scheint gepresst und ist eher wässrig, somit ergibt sich ein reduzierter Geschmack, in der normalerweise so hochwertigen Delikatesse. Die roh servierten Rinderfiletscheiben mit asiatischer Vinaigrette sind ein Versuch wert. Was mir hier ganz klar fehlt ist eine klare Produkt Philosophie! Mir fällt das Thema der Stunde überhaupt nicht auf, sprich Lebensmittel nachhaltig ausgewählt und in Szene gesetzt. Fazit: Kann man mal gemacht (besucht) haben, aber nichts was man nicht schon in anderen Städten gegessen hat, beziehungsweise bekommen kann. Dem Gastronom gebührt aber trotzdem mein tiefer Respekt für seinen Mut und seine tolle Karriere.
Ganz anders die Eisdiele „Gimme Gelato“ Eiscreme mit Manufaktur Gedanke, sorgfältiger Produktauswahl, eine high-end Diele. Das weiße Schokoladen-Lavendel Produkt kommt mit und am Stil daher, ist perfekt abgestimmt. Oft kann hier der Lavendel das Geschmacksbild schnell „zerschießen“, doch bei „Gimme-Gelato“ ist das nicht der Fall!
Viele Abschnitte in der Stadt lassen sich per E-Scooter machen, sonst ist Bus und Bahn sehr verlässlich. Gegen 20:40 geht es mit vielen Eindrücken wieder in Richtung Niederrhein. Eurowings liefert einen solides Produkt ohne Schnick-Schnack.
Fazit:
Ein Kundenbesuch sollte immer mit berufsbezogenen Inhalten, wenn es zeitlich möglich ist, gepaart werden. Am kulinarischen Puls der Zeit zu bleiben ist mit fachlicher Kompetenz zusammen und dem Wissen um das aktuelle Marktgeschehen wichtig.
























































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